{"id":1051,"date":"2023-01-17T14:50:13","date_gmt":"2023-01-17T13:50:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kielgas.org\/wordpress\/?p=1051"},"modified":"2023-05-11T10:35:26","modified_gmt":"2023-05-11T08:35:26","slug":"entgendern-nach-phettberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kielgas.org\/wordpress\/entgendern-nach-phettberg\/","title":{"rendered":"Entgendern nach Phettberg"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Thomas Kronschl&auml;ger<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/geschlechtergerechte-sprache-2022\/346085\/entgendern-nach-phettberg\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/geschlechtergerechte-sprache-2022\/346085\/entgendern-nach-phettberg\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz&nbsp;<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/3.0\/de\/\">&#8222;CC BY-NC-ND 3.0 DE &#8211; Namensnennung &#8211; Nicht-kommerziell &#8211; Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland&#8220;<\/a>&nbsp;ver&ouml;ffentlicht. Autor\/-in: Thomas Kronschl&auml;ger f&uuml;r Aus Politik und Zeitgeschichte\/bpb.de<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Entgendern nach Phettberg (Thomas Kronschl&auml;ger \u2013  Science Slam Vorentscheid Nord)\" width=\"584\" height=\"329\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/xVmGb7qACfA?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Geschlechtsneutral zu formulieren, ist im Deutschen nicht einfach. Sobald wir versuchen, &uuml;ber Menschen zu sprechen, schleichen sich geschlechtsspezifische Pronomen ein, und bei Verwandtschaftsbezeichnungen wie &#8222;Schwester&#8220; oder &#8222;Vater&#8220; ist das Geschlecht ohnehin immer mit dabei. Dabei kann es in vielen F&auml;llen im Alltag durchaus sein, dass ich das Geschlecht einer Person nicht kenne oder nicht festlegen m&ouml;chte: Bin ich neu in einer Stadt und frage nach Empfehlungen f&uuml;r zahnmedizinische Behandlungen, ist das Geschlecht der behandelnden Person zun&auml;chst einmal unwichtig. Sobald ich aber nach einem Zahnarzt frage, lege ich das Geschlecht schon ein St&uuml;ck weit fest. Es ist von der sprachlichen Flexibilit&auml;t meines Gegen&uuml;bers anh&auml;ngig, ob ich auch Zahn&auml;rztinnen empfohlen bekomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie aber spreche ich &uuml;ber eine Person, ohne ihr ein Geschlecht anzukategorisieren? H&auml;ufig wird mit Partizipialformen wie&nbsp;<em>Studierende<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>Lehrende<\/em>&nbsp;gearbeitet, und in vielen F&auml;llen klappt das auch. Auch sogenannte Fluchtw&ouml;rter wie&nbsp;<em>Lehrkraft<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>Vorsitz<\/em>&nbsp;finden h&auml;ufig Anwendung. Allerdings funktioniert das im ersten Fall im Singular schon weniger gut \u2013 geht es um&nbsp;<em>den<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>die<\/em>&nbsp;Studierende? \u2013, und Fluchtformen k&ouml;nnen nicht zu allen W&ouml;rtern gebildet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegenw&auml;rtig sind zudem einige Formen in Verwendung, die mit Sonderzeichen operieren. In der Debatte stehen dabei der Genderstern sowie mittlerweile vor allem der Doppelpunkt, also Formen wie&nbsp;<em>Leser*innen<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Leser:innen<\/em>.<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/geschlechtergerechte-sprache-2022\/346085\/entgendern-nach-phettberg\/#footnote-target-1\">Zur Aufl&ouml;sung der Fu&szlig;note[1]<\/a>&nbsp;Die Linguistin Helga Kotthoff verwies jedoch bereits 2017 darauf, dass die Form an sich noch nicht die Bedeutung mittransportiere und kritisierte, &#8222;dass die prototypischen Aufrufungen von Personenreferenzen erfahrungsges&auml;ttigt sein m&uuml;ssen und nicht &uuml;ber Grapheme evozierbar sind&#8220;.<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/geschlechtergerechte-sprache-2022\/346085\/entgendern-nach-phettberg\/#footnote-target-2\">Zur Aufl&ouml;sung der Fu&szlig;note[2]<\/a>&nbsp;Auch wenn ein solches Erfahrungssammeln durchaus auch anhand grafischer Formen m&ouml;glich ist, lassen sich Formen, die nicht allein grafisch ausgedr&uuml;ckt werden, h&auml;ufig einfacher anwenden und besser verbreiten. Ein Beispiel daf&uuml;r ist das geschlechtsneutrale Pronomen&nbsp;<em>hen&nbsp;<\/em>im Schwedischen, das 2015 in die Wortliste der Schwedischen Akademie aufgenommen und erfolgreich in den Sprachgebrauch integriert wurde.<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/geschlechtergerechte-sprache-2022\/346085\/entgendern-nach-phettberg\/#footnote-target-3\">Zur Aufl&ouml;sung der Fu&szlig;note[3]<\/a>&nbsp;Ebenso werden im Deutschen geschlechtsneutrale Formen vorgeschlagen, die ohne Sonderzeichen auskommen. Prominente Beispiele sind die&nbsp;<em>x<\/em>-Form und die&nbsp;<em>ens<\/em>-Form, bei denen aus Leser*in&nbsp;<em>Lesx<\/em>&nbsp;beziehungsweise&nbsp;<em>Lesens<\/em>&nbsp;wird.<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/geschlechtergerechte-sprache-2022\/346085\/entgendern-nach-phettberg\/#footnote-target-4\">Zur Aufl&ouml;sung der Fu&szlig;note[4]<\/a>&nbsp;Unterschiedliche sprachliche Communitys arbeiten weiter an kreativen und nutzbaren L&ouml;sungen \u2013 und so werden auch immer weiter neue Formen gebildet und verwendet.<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/geschlechtergerechte-sprache-2022\/346085\/entgendern-nach-phettberg\/#footnote-target-5\">Zur Aufl&ouml;sung der Fu&szlig;note[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Vorschlag f&uuml;r geschlechtsneutrales Formulieren \u2013 und damit eine M&ouml;glichkeit, allen Geschlechtern gerecht zu werden \u2013 ist das Entgendern nach Hermes Phettberg. Der &ouml;sterreichische K&uuml;nstler und Schriftsteller nutzte diese Form erstmals 1992 in seiner Kolumne &#8222;Phettbergs Predigtdienst&#8220; in der Wiener Wochenzeitung &#8222;Falter&#8220;. Auch sie funktioniert ohne Sonderzeichen und baut auf dem bestehenden Sprachsystem auf: F&uuml;r alle Personenbezeichnungen wird der neutrale Artikel &#8222;das&#8220; verwendet, an den Wortstamm wird im Singular &#8211;<em>y<\/em>&nbsp;und im Plural &#8211;<em>ys<\/em>&nbsp;angeh&auml;ngt. Das bedeutet, aus Leser*innen werden&nbsp;<em>Lesys<\/em>. Das gilt f&uuml;r alle Personenbezeichnungen, die mit der Endung&nbsp;<em>-er*in<\/em>&nbsp;gebildet werden, und auch f&uuml;r alle anderen Personenbezeichnungen. Aus dem*der Lehrer*in wird&nbsp;<em>das Lehry<\/em>, aus Wirt*innen werden&nbsp;<em>Wirtys<\/em>&nbsp;und so weiter. Das Pronomensystem folgt dabei der bestehenden grammatischen Form des Neutrums, zum Beispiel: &#8222;Das Wirty hat seinen Lippenstift vergessen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Form des Possessivpronomens der maskulinen Form &auml;hnelt, mag auf den ersten Blick befremdlich wirken, ist aber analog zu S&auml;tzen wie &#8222;Das M&auml;dchen hat seinen Hamster gef&uuml;ttert&#8220; oder &#8222;Das It-Girl hat gestern mit seiner Freundin die Quiz-Sendung gewonnen&#8220;. Die deutsche Grammatik l&auml;sst in solchen F&auml;llen erst seit Kurzem die Verwendung von femininen Possessivpronomina &#8222;ihren&#8220; beziehungsweise &#8222;ihrer&#8220; zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Entgendern nach Phettberg erm&ouml;glicht es vor allem, &uuml;ber Personen zu sprechen, deren Geschlecht unbekannt ist. Es eignet sich auch f&uuml;r alle Pluralformen, wenn mehrere Geschlechter angesprochen werden sollen \u2013 sowohl in der direkten Anrede (&#8222;Liebe Kollegys&#8220;, &#8222;liebe Mitarbeitys&#8220;), als auch, wenn ich &uuml;ber mehrere Personen spreche (&#8222;Meine Kommilitonys haben \u2026&#8220;). Es erlaubt mir also, &uuml;ber einzelne und mehrere Personen zu sprechen, ohne ihnen automatisch ein Geschlecht zuzuweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Phettberg diese Form erstmals nutzte und gegen Ende seiner Kolumne von &#8222;Lesys&#8220; schrieb, verband er dies mit einer Fu&szlig;note, in der er die Redaktion bat, diese Form, die nicht von ihm selbst sei, wenigstens einmal stehen zu lassen. Sie solle helfen, &#8222;das sprachliche Problem der Ausgrenzung der weiblichen Form [zu] &uuml;berwinden&#8220;.<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/geschlechtergerechte-sprache-2022\/346085\/entgendern-nach-phettberg\/#footnote-target-6\">Zur Aufl&ouml;sung der Fu&szlig;note[6]<\/a>&nbsp;Dass diese Form allerdings besonders gut daf&uuml;r funktionieren k&ouml;nnte, mehr als nur zwei Geschlechter anzusprechen, ist aus heutiger Perspektive besonders auff&auml;llig. Weitere Recherchen nach fr&uuml;heren Verwendungen brachten kein Ergebnis, auch Phettberg selbst konnte sich nach der langen Zeit nicht an die urspr&uuml;ngliche Quelle erinnern, weshalb die Benennung &#8222;nach Phettberg&#8220; angemessen erscheint, war er doch der erste nachweisbare &ouml;ffentliche Verwender und Bef&uuml;rworter der&nbsp;<em>y<\/em>-Form. Dies sichtbar zu machen, war und ist mir stets wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anleitung zum Entgendern nach Phettberg fu&szlig;t auf einer linguistischen Korpusanalyse von Phettbergs Kolumnen. Insofern handelt es sich um eine Form mit Tradition und einem Referenzkorpus, das es erlaubt, nachzuschlagen. Dass gerade literarische Texte neue Ans&auml;tze f&uuml;r die Versprachlichung von Geschlecht bieten, ist dabei f&uuml;r mich als Literaturdidaktiker nicht weiter &uuml;berraschend, f&uuml;hrte doch schon die Schriftstellerin Verena Stefan 1975 in ihrem Roman &#8222;H&auml;utungen&#8220; auch die Form &#8222;frau&#8220; als Gegenst&uuml;ck zum Indefinitpronomen &#8222;man&#8220; ein.<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/geschlechtergerechte-sprache-2022\/346085\/entgendern-nach-phettberg\/#footnote-target-7\">Zur Aufl&ouml;sung der Fu&szlig;note[7]<\/a>&nbsp;Dass nicht nur (sprachliche) Communitys sich um Formen geschlechtergerechter und geschlechtsneutraler Sprache bem&uuml;hen, sondern auch und vor allem Autorys, wird gegenw&auml;rtig im wissenschaftlichen Diskurs nicht stark rezipiert, liegt aber sehr nahe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anwendung von Formen zur Versprachlichung von Geschlecht h&auml;ngt immer von Kontext und Intention ab: Mit welcher Person kommuniziere ich aus welchem Grund in welcher Situation? So wird es Gelegenheiten geben, wo das st&auml;rker markierte Kritiker*innen besser passt als das etwas fl&uuml;ssiger zu sprechende Kritikys. Denn vor allem im m&uuml;ndlichen Gebrauch ist die Praktikabilit&auml;t vieler anderer Formen nicht immer gegeben, aber das muss gar nicht unbedingt negativ sein. Gerade wenn ich die Sichtbarkeit mehrerer Geschlechter priorisieren m&ouml;chte, sind andere Formen wahrscheinlich wirkungsvoller. Um aber einfach &uuml;ber Personen sprechen zu k&ouml;nnen, ohne ihnen ein Geschlecht gleich mitzuzuschreiben, bietet es sich an, das so &auml;hnlich wie Hermes Phettberg zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn es immer wieder als radikal bezeichnet wird: Das Entgendern nach Phettberg ist einfach verwendbar und dennoch auff&auml;llig und insofern eine Kompromissform. Dass diese Form dabei Einigen zu wenig weit geht und Anderen zu weit, ist vielleicht ein Zeichen daf&uuml;r, dass ein gro&szlig;es Missverst&auml;ndnis zuletzt ausger&auml;umt werden muss: Die eine Form, die alles l&ouml;st, gibt es nicht. F&uuml;r manche Sprechys und Schreibys mag es in bestimmten Situationen genau die richtige Form sein, andere bevorzugen eine andere.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Kronschl&auml;ger https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/geschlechtergerechte-sprache-2022\/346085\/entgendern-nach-phettberg\/ Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz&nbsp;&#8222;CC BY-NC-ND 3.0 DE &#8211; Namensnennung &#8211; Nicht-kommerziell &#8211; Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland&#8220;&nbsp;ver&ouml;ffentlicht. Autor\/-in: Thomas Kronschl&auml;ger f&uuml;r Aus Politik und Zeitgeschichte\/bpb.de Geschlechtsneutral zu formulieren, ist im Deutschen nicht einfach. 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